hasenjagd – Sid's prosaisches Lauftagebuch
ANNAKRAM e. V. ist Wortpate für „Anagramm“
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Thüringer Landeszeitung, 1.11.2003, schreibt:


KLARTEXT:

Das andere Theater

Jenseits des etablierten Kulturbetriebs hat die Erfurter Kleinkunstbrigade „Anna Kram" des Kulturrausch e. V. ein Musikstück auf die Bretter gebracht.

Bonsai mit dem wildbunten Haarschopf trägt eine abgeschabte Lederjacke, die einmal „echt" war. Jetzt wirkt sie wie übergestülpt, eine traurig-komische Verkleidung. Denn der Punk ist längst aus dem Alter heraus, in dem der Weltschmerz noch süß war. Er hängt auf einer Parkbank, das Bier in der Büchse schmeckt schal, und seine Hoffnungen sind es auch längst geworden. Auf der Bühne geht langsam ein Mond auf. Schickt kaltes Licht.

Im wirklichen Leben bildet Sigurd Reisener (40) Erzieher und Altenpfleger aus. Und dann schreibt er Gedichte unter dem Pseudonym Sid Eisengurrer, denn schal wäre das Leben wirklich wenn der Alltag es schaffte, alles aufzufressen, was da noch an Lust und Freude und Erwartung ist. Ein bisschen denken sie hier alle so, und ein bisschen ist dies die eigentliche Geschichte eines Erfurter Vereins, der sich „Kulturrausch" nennt, und seiner Kleinkunstbrigade „Anna Kram". Seit sie 1998 mit einer szenischen Lesung, verwoben in einer Video-Installation, ihre Texte und ihr Spiel öffentlich zeigten, folgte jedes Jahr ein neues Stück. 1999 zum Greizer Theaterherbst zum Beispiel, da stellten sie sich mit Babsi oder die Ideen sind frankiert" vor. Im Lutherjahr experimentierten sie mit Lutherzitaten, in denen es deftig und auch fragwürdig zuging. „Weniger bekannte Selbstzeugnisse des gerühmten Reformators, die seine Frauenverachtung und seinen Antisemitismus belegen." Die dunklen Seiten Luthers.

Es ist nicht so, dass sie das Theater neu erfinden wollen. Es ist auch nicht so, dass sie dem etablierten Kulturbetrieb die Revolte ansagen. Ihnen eine kulturanarchistische Rolle anzuhängen, ginge wohl zu weit. Auch wenn Sid Eisengurrer schon findet, dass sich „die etablierten Häuser vom Publikum entfernt haben". Viele Leute, die in die Vorstellungen der Kleinkunstbrigade gingen, schätzt er, würden kein etabliertes Theater besuchen. Auch wenn es jetzt vielleicht so klingen mag, der Enthusiasmus der Truppe speist sich nicht aus einem Beweiszwang. Sie alle hier haben, erklärt Andreas Jäckel (35), vor allem einen Riesenspaß am künstlerischen Ausdruck. Er selbst, der für dieses Stück das Bühnenbild malte, ist auch im wirklichen Leben Grafiker und Maler. Doch dass sei schon etwas anders. Für ihn ist die Kleinkunstbrigade wie überhaupt der „Kulturrausch" eine Plattform für Menschen, die ihr Leben im Wort, im Spiel oder in der Musik reflektieren, und dies mit dem Mut zur Öffentlichkeit. Manche entdecken da neue Seiten an sich und manche finden zu alten Leidenschaften zurück. Wie Andreas Wieske, der für das aktuelle Stück die Regie führt. Das hat der Enddreißiger in Jugendjahren schon einmal getan, am Pioniertheater. Auch wenn sein beruflicher Alltag ein eher prosaischer ist — lange saß er in der Fahrerkabine einer Straßenbahn, jetzt paukt er kaufmännische Regeln — „Anna Kram" ist für ihn kein Fluchtpunkt, kein Alltagsausstieg. Auch er spricht immer wieder vom einfachen Spaß am Spiel und von den Facetten einer Stadt wie Erfurt, die doch durch solche Unternehmungen ein wenig bunter werde. Schnell sei man am Klagen über die triste Kulturlandschaft, fügt Andreas Jäckel hinzu, statt selber etwas zu wagen. Wagnis — ein Wort, das nicht sehr übertrieben ist. Denn auch wenn die Beteiligten — ob im Spiel, im Gesang, in der Regie oder im Bühnenbild — Laien sind, wollen sie. gutes Theater zeigen. Und machen sich verletzbar. Ein Risiko, das sie wissend eingehen.

In diesem Jahr also mit einem Stück, das mit dem Unterthema „Rockoperette" untertitelt ist. Sid Eisengurrer hat den Text geschrieben und André Rauch (35), Tontechniker und leidenschaftlicher Bassist, die Musik. „Nachtfarben" — ein Stück, das vor allem von der Lücke im so genannten Showbizz handelt, ein wenig aber auch von der Chance, dem Alltag den verlorenen Charme wieder zu entlocken. Elena RAUCH


„Nachtfarben" wird heute in der Aula des Ratsgymnasiums Erfurt um 21 Uhr gezeigt. Karten an der Abendkasse


Bild 1

KLEINKUNSTBRIGADE ANNA KRAM: Nische im etablierten Kulturbetrieb. TA-Foto: S. FROMM



 
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