hasenjagd – Sid's prosaisches Lauftagebuch
ANNAKRAM e. V. ist Wortpate für „Anagramm“
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Thüringer Allgemeine, 1.9.2014, schreibt:


KLARTEXT:

Wenn der Schnellste klettern muss

Erfurt. Von Glück reden konnte vor allem derjenige, der das Ziel beim Erfurt-Marathon ohne Umwege erreichte. Glücklich machte die Organisatoren schon, viele im Nordpark wiederzusehen.
Eine Premiere mit Tücken und Potenzial.

Knapp die Hälfte der 98 Meldungen beim Erfurt-Marathon waren Einzelstarter. Und der Schnellste unter ihnen war Frank Becker vom USV Erfurt (rechts). Dreieinhalb Stunden benötigte der USV-Mann für die Laufpremiere, deren Erlös dem Kinderhospiz zugute kommt. Foto: Marco Kneise

Von Steffen Ess

Mit Frank Becker vom USV geht ein Erfurter in die Geschichte des Erfurt-Marathons ein. Was zweifellos eine schöne Kombination darstellt, aber in etwa so bedeutend war, welcher Name den Schlussrang eingenommen hat.

Dass es besonders viele der 98 Startnummern sein werden, die nach dem Mittag wiederum am Nordpark auftauchen, hatten die Frauen und Männer der Kleinkunstbrigade Annakram nämlich fast schon aufgegeben. Das Feld war noch nicht richtig im Premieren-Marathon angekommen, verhagelten Nachrichten von Irrläufern und ersten Aufgaben die Stimmung.

Es sei richtig zu sehen gewesen, dass einige Markierungen auf der Schleife in Richtung Gispersleben abgerissen worden sind, berichtete Torsten Kraushaar. Der Neuntschnellste, der die 42,2 km in knapp vier Stunden hinter sich brachte, musste es wissen. Keine 24 Stunden, bevor er als Helfer des Erfurter Kulturvereins selbst unter die Füße nahm, hatte er die Wegweiser angebracht gehabt. Erst recht ärgerte er sich so tierisch über den üblen Streich, der den emsig bemühten Organisatoren das Leben noch schwerer machte. Von einer missratenen Premiere ließ er dennoch niemanden sprechen. Im Gegenteil: Der kleine Verein, der mit wenigen Helfern zu stemmen versuchte, was gestandene Laufveranstalter für kaum realisierbar hielten, erntete von vielen Seiten Lob - und erst recht Anerkennung.


Lob und Anerkennung von gestandenen Läufern


„Hut ab für den Mut, mit so wenigen Leuten einen solchen Lauf auszurichten", hieß es etwa aus dem Lager des LTV. Vier Wochen vor einer Neuauflage seines Honiglaufes war der Verein mit ein paar Staffeln am Start.

„Sightseeing pur und eine super Kombination aus Stadt- und Crosslauf“, fand Bernd Neumann. Der 63-Jährige aus Vellmar testet für eine Internetplattform (www.marathon4you.de) Läufe. Nach gut sechseinhalb Stunden und zig geschossener Fotos von der Innenstadt und anderen tollen Ecken war er begeistert von der Premiere, von der der gestandene Frank Becker ebenfalls angetan war.

„Eine wirklich schöne Strecke“, sagte der 49-Jährige. Zwei Wochen nachdem der USV-Mann in Berlin hundert Meilen hinter sich gebracht hatte, nahm er wie der Gebeseer Peter Flock (Lauffeuer Fröttstädt) die 42 Kilometer in der Heimat gern mit. Auch als Trainingslauf vorm 245 km langen Spartathlon Ende September in Griechenland. In 3 Stunden, 25 Minuten ist der Supermarathoni auch schnell unterwegs gewesen. Ziemlich schnell sogar. Denn auch der Erfurter hatte Mühe, auf dem rechten Weg zu bleiben, klemmte sich indes ans Hinterrad des Führungsfahrrades und kam trotz einer ungewollten Klettereinlage nach ziemlich genau 42 km ins Ziel. Laufkumpel Peter Flock hatte dagegen als Fünfter fast zwei mehr auf der Uhr.

Der Ultraläufer konnte den Umweg verschmerzen. Auch die Zeit spielte keine große Rolle. Weil die Strecke nicht abgesperrt war, an Ampeln sogar mal gewartet werden musste, war ohnehin keine schnelle erwartet worden.

„Ich hatte Glück“, meinte Becker. Ehe er die Ampeln erreichte, hatte sein persönlicher Wegweiser auf dem Mountainbike oft schon das Schaltsignal ausgelöst. So wie Bernd Neumann auf andere Art Glück hatte. Er konnte sich gar nicht verlaufen. Fast die komplette Strecke lief er gemütlich und zusammen mit Organisator Sigurd Reisener. Er hatte die abenteuerliche Idee eines Marathons in Erfurt und kannte als einer der wenigen aus dem Effeff den genauen Kurs, der sich durch entfernte oder auch schwer zu sehende Markierungen als eine Art Orientierungslauf herausstellte. Für eine Handvoll, die aufgaben, war er vielleicht sogar zu abenteuerlich.

Dem einen oder anderen wird der Lauf aber vielleicht gerade deshalb lange in Erinnerung bleiben. Den Organisatoren sicher. Viele Stunden haben sie investiert, fast über Nacht noch Erinnerungsmedaillen aus Keramik gebrannt. Und sie haben ihr Ziel fast exakt erreicht, 100 Läufer und Staffeln zu gewinnen, um so 1000 Euro fürs Kinderhospiz zusammenzukriegen.

Ein einzigartiges Erlebnis ist es ohnehin gewesen, muss aber kein einmaliges bleiben.

„Die Beschilderung ist das einzige, was verbessert werden muss. Aber ansonsten war es perfekt“, sagte Bernd Neumann. Für den 63-Jährigen, der weltweit fast 160 Marathons gelaufen ist, mache einen schönen Lauf nicht unbedingt Teilnehmerzahl oder Qualität der Strecke aus. „Wichtig ist, mit wie viel Herzblut die Leute dahinter stehen“, sagte er.



 
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