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16.6.2001, Erfurt, Thüringer Landtag


„Aufruhr“

v.l.n.r. Herbert Schönemann, Brita Pömmer, Elke Schneider, Christine Lieberknecht,
Sigurd Reisener, Andreas Jäckel

Zum „Tag der offenen Tür des Thüringer Landtages” am 16. Juni 2001 wurde auch der kleinkunstbrigade Anna Kram Gelegenheit geboten, sich vorzustellen. Eine obligatorische Vorgabe wurde uns jedoch eingeflüstert, die Vorführung sollte sich mit dem Thema „Demokratie” auseinander setzen. Naja, und so stellten wir neben einer szenischen Lesung vor allem unsere Gedanken zur Abwicklung des Erfurter Schauspiels vor. Und dies alles unter dem passenden Titel „Aufruhr”.


PS: Am Tag der offenen Tür des Thüringer Landtags versteigerte die Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht ein von ihr gemaltes Bild. Den Erlös spendete sie verschiedenen Kulturinitiativen. Und siehe da die "kleinkunstbrigade" bekam ihren Teil ab.










Sehr geehrte Damen und Herren, Werte Abgeordnete, Bürgerinnen und Bürger, Liebe Gäste,
Hallo Freunde! Grüß Gott Erfurt!

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, kurz den Ton anzugeben.

Wie Sie sicher schon gehört haben, hat auch ein anderes Haus in Erfurt seine Türen geöffnet, jedenfalls für einen Teil der Belegschaft, das Theater Erfurt.

Entschuldigung! Wo ist denn das Pult?! Danke.

Ich fang noch mal an.

Erfurts Theaterlandschaft steht an einem historischen Wendepunkt, einer Umwälzung. Vor einigen Tagen gab die Leitung des Hauses bekannt, die Abteilung: Schauspiel einzusparen. Mit diesem Schritt beweisen die Verantwortlichen einen Mut zu Reformen, der auch vor unpopulären Maßnahmen nicht zurückschreckt.

Wir, die kleinkunstbrigade Anna Kram, meinen dazu: Weiter so! In dieser Stadt machen doch wahrlich genug Leute Theater.

Wie Sie sehen, steht die kleinkunstbrigade Anna Kram geschlossen hinter mir, jedenfalls die wahlberechtigte Mehrheit.

Natürlich sind die Betroffenen nicht glücklich darüber. Die Arbeit an dieser renommierten Bühne hatten sie mit viel Engagement ausgeführt. Doch die wirtschaftlichen Bedürfnisse bedürfen nun mal einer Neuorientierung und diese Neuorientierung verliert ohne Opfer ihre treibende Kraft.

Und auch dabei wird es großes Theater geben. Da werden bestechende Akteure auf die Bühne treten, um das Volksbegehren nach allen Regeln der Kunst auf den Zuschauerplätzen zu halten. Die Verantwortlichen haben sich für dieses wohl letzte Schauspiel entschieden. Ich bin mal gespannt, das hat sicher Dramatik.



Sehr geehrte Parlamentarierinnen, werte Volksvertreter, Liebe Erfurterinnen,
liebe Erfurter, Geneigte Opfer und Angehörige,

denken sie geneigte Opfer bitte auch einmal daran, dass die Umwälzungen des Erfurter Theaters auch die Chance für einen Neuanfang ist. Denken sie an die zusätzliche Zeit, die sie nun im Kreis ihrer Freunde, ihrer Familien und ihrer Kindern verbringen können.

Und auch Sie liebe Erfurterinnen und Erfurter, erleichtert Sie nicht sogar ein wenig die Schließung der Schauspielbühne, wenn Sie in Erwägung ziehen, wie viele Kinder an diesen unsäglich langen Theaterabenden, ja Theaternächten in ihren kleinen Bettchen auf die Heimkehr ihrer Mamis und Papis warteten?

Ja, um die Kinder geht es m. E. vorrangig bei dieser Entscheidung. Die Kinder sind unsere Zukunft. Die Kinder werden fortführen, was die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, dieses Landes an Aufbauarbeit geleistet haben.

Das hat viel Geld gekostet, sehr viel Geld. Es wurden Kredite aufgenommen, hohe Kredite. Die Zinsen zahlt die heranwachsende Generation.

Deshalb muss gespart werden. Es muss gespart werden, wo es nur geht. Man kann sich dabei gar nicht, dumm und dämlich genug sparen. Im Interesse der kommenden Generationen. Sie haben ein Anrecht auf diese Mitgift.

Und deshalb müssen unseriöse, Entschuldigung ich meine natürlich unpopuläre Machenschaften, nein, Mist, Maßnahmen herhalten.

Wenn sich diese Stadt so kinderfreundlich präsentiert ... Da fehlen mir aalglatt die Worte.



Sehr geehrte Parlamentarierinnen, werte Volksvertreter, Liebe Erfurterinnen,
liebe Erfurter, Geneigte Opfer und Angehörige,

Erfurt ist eine demokratische Stadt. Und Demokratie lebt von Mehrheiten.

Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger geht zur Wahl.

Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in dieser Stadt lässt sich, Tür auf oder zu, das Krämerbrückenfest nicht entgehen.

Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ist enttäuscht über Gesetzesübertretungen Andersdenkender.

Es gibt noch viele andere Mehrheiten, je nach Bedarf.

Die Mehrheit der Theaterliebhaberinnen und Theaterliebhaber dieser Stadt wird sich sicher für das Erfurt Schauspiel aussprechen. Doch sehr geehrte Mehrheit!

Ich gehöre der Mehrheit der Zeitungsleser an, und möchte betonen, dass die Anstrengungen um einen Kompromiss hinsichtlich des Theaters Erfurt enorm sind. Am 14. Juni nahm Frau Kulturministerin Dagmar Schipanski in der TA unter der entgegenkommenden Überschrift: ”Scheitern ist nicht eingeplant” Stellung.

Ich zitiere kurz Frau Kulturministerin Dagmar Schipanski: „Wir bieten für das DNT und das Theater Erfurt in der Summe 44 Millionen pro Jahr. Wir bezahlen das Geld für eine gemeinsame, ich darf wiederholen: eine gemeinsame Lösung. Eine Lösung, die an beiden Häusern das gesamte Angebot bieten soll und in deren Konsequenz ich eine höhere Qualität erwarte.”

Wir, die kleinkunstbrigade Anna Kram, meinen dazu: Weiter so!

Es geht mich ja eigentlich nichts an. Aber mich würde schon interessieren, woher die Frau das ganze Geld hat. „Wir bieten 44 Millionen ...” Kein Pappenstiel. Das reizt zu Spekulationen. Naja weiter.

Wie Sie sehen geneigte Opfer, man lässt Sie nicht allein. Nicht wenn `s um so viel geht.

In diesem Zusammenhang möchte ich aber auch die Proteste gegen die Umstrukturierungsmaßnahmen hinterfragen. War es notwendig singend und tanzend, ja sogar lachend über die Krämerbrücke zu ziehen, an einem gewöhnlichen Donnerstagnachmittag? Ist die sprichwörtliche Erfurter Behaglichkeit denn niemand mehr heilig? Das war laut. Das war Gelärme. Das hat bestimmt einige aufgeschreckt, die ihr wohlverdientes Feierabendbierchen genießen wollten.

Und dann diese Unterschriftensammlung, von wegen Volksentscheid. Das ist doch im Freistaat Thüringen nicht rechts ... gemäßigt, mäßig. Da gab es doch eine Verfassungsklage. Da frage ich mich doch, wer stellt hier die Demokratie auf die Probe?

In gleicher Weise stößt mich das Argument auf, mit der Umwälzung des Theater Erfurts wäre Erfurt die einzige Landeshauptstadt ohne Schauspieltheater. Aber warum können wir denn nicht stolz darauf sein? In diesem Land gibt es so viele, die sind wegen irgendetwas stolz. Aber Vorreiter oder Vorreiterin bei der Neuordnung der Theaterlandschaft, einer blühenden Theaterlandschaft zu sein, das muss uns doch die Brust heben! Hören wir, liebe Erfurterinnen und Erfurter, doch endlich auf mit diesem wehleidigen Ossigejammer! Wir Landeshauptstädter sind die Ersten, die so einen zukunftsweisenden Schritt wagen. Die anderen Länder werden uns um unser Know-how beneiden.



Sehr geehrte Parlamentarierinnen, werte Volksvertreter, Liebe Erfurterinnen,
liebe Erfurter, Geneigte Opfer und Angehörige,

Wir, die kleinkunstbrigade Anna Kram, verstehen aber auch die Sorgen und Nöte der Betroffenen und wollen Verantwortung zeigen, helfen.

Wir stehen bereits im Kontakt mit dem Arbeitsamt und einigen Zeitarbeitsfirmen, um ehemalige Mitglieder des Schauspielhauses als ABM einzustellen oder zu mieten. Unsere weniger talentierten Laien, ich denke da vor allem an jene aus den städtischen Randgebieten, könnten sich so wieder abends vermehrt in diversen Erfurter Lokalitäten anstatt auf unseren Proben, wie soll ich sagen, kulturell betätigen. Die Erfurter Gastlichkeit wird sicher davon profitieren, so auch die kleinkunstbrigade Anna Kram.

Aber auch andere Institutionen werden den abgewickelten Schauspielern sicher eine zeitweise Anstellung anbieten. Spätestens Weihnachten wird wieder jeder, der etwas in seinen Bart brummeln kann, gebraucht.



Sehr geehrte Parlamentarierinnen, werte Volksvertreter, Liebe Erfurterinnen, liebe Erfurter, Geneigte Opfer und Angehörige,

An dieser Stelle möchte schließen, nicht weil mir die Worte knapp werden, sondern weil es an der Zeit ist. Trotzdem möchte ich abschließend noch einen Gedanken anbringen.

Dass die Umwälzungen innerhalb des Erfurter Theaters mit Sparmaßnahmen gerechtfertigt werden, ist sicher politisches Kalkül, doch warum stellt man dafür anstatt eines städtischen Konkursbeamten einen besser verdienenden Intendanten ein? Welcher Fuchs beißt sich denn dabei in den Schwanz?

Danke und so weiter!



 
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