Fritz, Ausgabe August 1999, schreibt:


KLARTEXT:

Babsi
oder Die Ideen sind frankiert

Theater - aus dem griechischen überliefert - ist nicht nur ein Sammelbegriff für Schauspiel- oder Opernaufführungen, in der Umgangs­sprache heißt es so viel wie Unruhe, Aufregung oder Vortäuschung. Im Juli widmete man sich in der Erfurter Kantine dem Theater. Die Kultur­rausch-Initiative „Anna Kram” zeigte – zum dritten Mal in Erfurt – das Stück „Babsi oder Die Ideen sind frankiert”.

In diesem Stück wurden in einer guten Stunde fünfzig Jahre bundesdeutscher Realismus wiederbelebt. Vom ersten Sirenengeheul bis zum großen Knall sang und strickte sich die ewig junge Babsi von Zeitgeist zu Zeitgeist. Sie erlag den verschiedensten Versuchungen, fing sich und fiel trotzdem. Die beteiligten Herren nahmen kaum Notiz davon. Sie interpretierten derweilen den höheren bzw. tieferen Gehalt des Daseins. Mit aufgeklärter Anpassung warfen sie eine heiße Kartoffel nach der anderen ins Publikum.

„Die deutsche Sprache macht hungrig, Kartoffeln machen satt!” zitierten sie wiederholt den Spätromantiker Hugo Hirschberg-Lappner. Jene Worte, die er allen Dichtern, die es zur damaligen Zeit nach Weimar zog, warnend mit auf den Weg gab, wurden jedoch ins Extreme verkehrt und für wortreiche Diskurse mißbraucht.

Überdies zeigte das Stück in gerafften schattigen Bildern, was die Bundesrepublik sonst noch in geschichtlicher Größe hinterließ: Wiederaufbau, Wiedergeburt, Wiederwahl, Wiedervereinigung, Wiederaufbereitung ...

Fünfzig Jahre bundesdeutsche Geschichte in einer guten Stunde anhand bruchstückhafter Szenen aufzuarbeiten, zudem inszeniert mit der Arroganz der später Geborenen, muß Lücken hinterlassen. Lücken, die Schuldgefühle wecken, denen der Ruch des Verdrängens anhaftet. Der Kleinkunstbrigade Anna Kram gelang es jedoch, diese Lücke mit dem Lachen ihres Publikums zu füllen. Sie stellten anschaulich dar, daß kollektives Verdrängen Vergnügen bereiten kann. Mit dem Stück „Babsi oder Die Ideen sind frankiert” bewegte sich die Kleinkunstbrigade abseits vom konventionellen Theatergeschehen. Das man über sie lachte, nahmen sie ernst.

Und noch etwas zum „Nachtisch” reichten sie ihrem Publikum Köstlichkeiten rund um die Kartoffel. Spätestens dann war es jedem Besucher egal, ob dieses Stück Theater im umgangssprachlichen oder überlieferten Sinne war.

Text+Foto: Jochen Kurzhals (freier Mitarbeiter beim Mitteldeutschen Beobachter)